Aktueller Impuls

 
Aktueller Impuls # 242 - Sonntag
vom 19.06.2017
Predigt von Bischof Rudolf Voderholzer zur Messfeier zum Beginn der Wolfgangswoche am Sonntag, 18. Juni 2017 in Regensburg St. Emmeram


Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Das Evangelium des heutigen Sonntags stellt uns eindrucksvoll eine wichtige Stufe in der Entwicklung der Kirche vor Augen. Der Herr beruft mit den zwölf Jüngern (nach Lk 6,13 nannte er sie auch „Apostel“) die Stammväter des neuen Gottesvolkes und sendet sie ein erstes Mal aus, um seine Reich Gottes Verkündigung zu vervielfältigen, ihn zu vergegenwärtigen in den Städten und Dörfern Israels, einem Volk ohne Hirten.
Diese erste Aussendung (Mt 10,5) ist noch begrenzt, sie zielt nur auf Israel. Und auch die Inhalte der Verkündigung sind noch begrenzt. Diese erste Aussendung bereitet vor auf die zweite und endgültige Sendung, die aber erst nach Ostern erfolgen kann, wenn mit Tod und Auferstehung Jesu Christi das Heilswerk vollendet ist und die universale Perspektive der Mission deutlich wird, wenn der auferstandene Herr also die Apostel bis an die Grenzen der Erde sendet (vgl. Mt 28,16-20).
Diese zweite und endgültige Aussendung, in deren Dienst sich auch die heiligen Emmeram und Wolfgang gestellt haben, erfolgt in der Kraft des Heiligen Geistes und hat als entscheidenden Inhalt die Botschaft vom heilbringenden und versöhnenden Kreuzestod Jesu und seiner siegreichen Auferstehung von den Toten (vgl. die Lesung aus dem Römerbrief).
Und diese Botschaft verdichtet sich, diese Botschaft nimmt noch einmal konkrete Gestalt an, diese Botschaft wird im wahrsten Sinne des Wortes lebens-gestaltend - in der Feier des Sonntags!

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Wir stehen vor einem religionsgeschichtlich höchst erstaunlichen Phänomen: Dass nämlich noch in neutestamentlicher Zeit und im Kontext jüdischer Glaubenspraxis der Sonntag, der erste Tag der Woche als der Tag der Auferstehung Jesu Christi alle Würden und Privilegien und Vorzüge des Sabbats zu übernehmen beginnt.
Wir wissen aus dem Neuen Testament selbst, dass es zum Kennzeichen der Christen von Anfang an gehörte, dass sie sich am Sonntag, dem Auferstehungstag, versammelten, das Wort Gottes hörten und im Brotbrechen die Gegenwart des Herrn feierten. Der Apostel Paulus weiß schon um die besondere Bedeutung des „ersten Tages der Woche“ (1 Kor 16,2) ebenso wie die Geheime Offenbarung um den „Tag des Herrn“ (Offb 1,10). Die Apostelgeschichte berichtet von der Versammlung der Jünger mit Paulus am ersten Tag der Woche (Apg 20,7-11), und auch das Lukas- und das Johannesevangelium setzen die Eucharistiefeier am ersten Tag der Woche voraus (Lk 24,1.13.30- Joh 20,19.26).
Es ist für mich einer der untrüglichsten Beweise für den Realitätsgehalt der Auferstehungsbotschaft, dass in ihrem Licht, in Antwort darauf, als Reaktion darauf, eine immerhin durch höchstes göttliches Gebot (Ex 20,8) eingerichtete und heilige Praxis vom Sabbat auf den Sonntag überging!
Der Sonntag selbst, in den romanischen Ländern der „Herrentag“ genannt, „domenica“, „dimanche“, der Sonntag und seine Feier sind als solche höchster und wirkmächtigster Ausdruck der apostolischen Verkündigung und Mission.
So ist es nicht verwunderlich, dass wir schon aus der Frühzeit der Kirche immer wieder das Zeugnis von Christen überliefert bekommen, dass sie sich lieber umbringen ließen als den Sonntag zu verraten, wie etwa die Märtyrer von Abitene im Jahre 304, die, nachdem man sie beim illegalen Sonntagfeiern erwischt hatte, im Verhör zu Protokoll gaben: „Ohne den Sonntag und die Gabe des Herrn können wir nicht leben.“
Es gehört zu den großen und wahrhaft epochalen Entscheidungen des Kaisers Konstantin, dass er im Jahr 321 die Sieben-Tage-Woche gesetzlich eingeführt und damit dem Abendland die vom jüdischchristlichen Offenbarungsglauben her als göttlich begründete Zeitstruktur geschenkt hat. Eine Zeitstruktur, die, gleichermaßen am Rhythmus der Sonne und des Mondes Maß nehmend, der Ruhe und der Muße ihr Recht gibt und den Menschen schützt vor der Versklavung an die Arbeit. Und Kaiser Konstantin war es auch, der den Sonntag gesetzlich von Lohn-Arbeit und Gerichtsterminen befreit und ihn so positiv frei gemacht hat für die gottesdienstliche Versammlung am helllichten Tag und die Feier der Eucharistie nicht nur am Abend oder vor Sonnenaufgang. Der Sonntag als erster Tag der Woche, der Tag der Auferstehung Jesu Christi, der bereits in neutestamentlicher Zeit die Vorzüge und Würden des Sabbats an sich gezogen hatte, wird somit der Urfeiertag des Abendlandes.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Ich möchte uns alle, alle Pfarreien und Gemeinschaften im Bistum, am Beginn dieser Wolfgangswoche wieder einmal die große und fundamentale Bedeutung des Sonntags für unseren Glauben und für die christlich-abendländische Kultur in Erinnerung rufen und daran erinnern, dass die Heiligung des Sonntags und eine gute Sonntagskultur in einem umfassenden Sinne ein entscheidendes Fundament unseres Glaubensvollzuges und unserer ganzen Gesellschaft ist.
Das Leben in den Pfarrgemeinden, die vielfältigen Aktivitäten und Gruppen und Kreise haben vor allem auch die würdige Feier der sonntäglichen Eucharistie in den Blick zu nehmen. Bibelkreise ermöglichen die Vor- und Nachbereitung der Wortverkündigung, Ministrantenstunden dienen dem würdigen Dienst am Altar, der Kirchenchor probt für die Messe am Sonntag und an den Feiertagen, usw.
Das wöchentliche Pfarrfest, liebe Schwestern und Brüder, das wöchentliche Pfarrfest ist erst einmal die Sonntagsmesse, die aller Sorgfalt und Liebe wert ist.
Gewiss: Der Sonntag ist nicht der einzige Tag der Woche. Der Glaube, der vor allem am Sonntag gefeiert wird, muss sich am Montag bewähren, muss ausstrahlen in die Woche hinein und das alltägliche, werktägliche Leben bestimmen. Das Salz des Sonntags muss den Montag und all seine Lebensbereiche würzen. Aber wo der Sonntag vernachlässigt wird, wo die gottesdienstliche Versammlung, das Hören des Gotteswortes und die Feier von Tod und Auferstehung Jesu Christi ausfallen, verdorrt der Glaube, verkümmert die Hoffnung und erlahmt schließlich auch die Liebe.

Liebe Schwestern und Brüder, weil der Sonntag für unser christliches Selbstverständnis so fundamental wichtig ist, sind wir auch dankbar, dass er durch das Grundgesetz und weitere Gesetze geschützt ist: „Der Sonntag bleibt geschützt“, so formulierten es die Väter und Mütter des Grundgesetzes und machten damit deutlich, dass nicht erst sie diesen wichtigen Grundsatz aufstellten, sondern dass sie dieses aus unvordenklichen Zeiten überlieferte große Gut nicht antasten sondern weiterhin schützen wollten.
Der Sonntag als prinzipiell arbeitsfreier und auch handels-freier Tag sieht sich, Sie wissen es alle, immer wieder den Begehrlichkeiten von Industrie und Handel ausgesetzt. Die neueste Forderung lautet, nicht nur vier, sondern zehn verkaufsoffene Sonntage zu genehmigen.
Liebe Schwestern und Brüder, ich weise diesen erneuten Anschlag auf den Sonntag zurück. Es gibt schon genügend Menschen, die für den Sonntag arbeiten. In der Gastronomie, im Nahverkehr, auch in der Kirche, bei der Polizei, in den Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen etc. Eine weitere Aushöhlung des Sonntags ist unnötig und kann nicht hingenommen werden.
Gerne verbünde ich mich bei diesem Anliegen auch mit nicht-kirchlichen Organisationen und Institutionen zur „Allianz für den Sonntag“, die den arbeitsfreien Sonntag auch aus rein menschlichen Gründen verteidigen und zu schützen suchen.
Sind wir doch ehrlich: Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Was ich am Sonntag ausgeben würde, kann ich am Montag nicht mehr ausgeben und auch nicht Donnerstag.
Ich will mich jetzt gar nicht in die Einzelheiten der Diskussion vertiefen – man müsste hier auch den Verdrängungswettbewerb der großen Geschäfte gegen die kleinen zur Sprache bringen, auch einen Verdrängungswettbewerb der Stadt gegen das Land- auch das Argument, dass der Internet-Handel den Einzelhandel ausbootet, sticht nicht – dieses Problem ist auch durch die weitere Aushöhlung des Sonntags nicht zu lösen – aber vielleicht wäre es ein guter Vorsatz, ganz im Sinne des apostolischen Geschenks des Sonntags, an diesem Tag freiwillig auch auf das Internet-Shopping zu verzichten …
Ich verweise aber auf die unbestrittene „soziale“ Bedeutung des Sonntags: Wenn jeder einzelne sich die Rahmenbedingungen seiner Freizeitgestaltung selber schafft, gibt es bald keine gemeinsamen Aktionsmöglichkeiten mehr. Gerade auch als überindividuelle Institution ermöglicht der Sonntag als gemeinsamer Feiertag auch eine Fülle von gemeinschaftsstiftender, identitätsstiftender Aktivitäten.
Deshalb ist er – noch weit über das kirchliche Anliegen hinaus – auch als Kulturgut höchsten Ranges, als soziale Einrichtung, über die Maßen schützenswert gegenüber allen ökonomischen Verrechnungs- und Vereinnahmungsversuchen.
Und uns als Christen rufe ich auf: Wenden wir alle unsere geistliche Phantasie auf, den Sonntag zu heiligen auch unter den Rahmenbedingungen des 21. Jahrhunderts, ihn nicht unter die Räder des „Wochenendes“ kommen zu lassen, ihn vielmehr als öffentliches Zeichen der Mitte unseres Glaubens wertzuschätzen, denn das ist das mit dem Sonntag aufs Innigste verbundene „Geheimnis unseres Glaubens“: „Deinen Tod o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit“, Amen.